Selbstreguliertes Lernen (SRL) – Kinder Schritt für Schritt begleiten
Wie lernen Kinder, ihr Lernen selbst in die Hand zu nehmen?
Selbstreguliertes Lernen ist eine wichtige Schlüsselkompetenz – nicht nur für den schulischen Erfolg, sondern auch für das lebenslange Lernen. Kinder müssen lernen, ihre Aufmerksamkeit zu steuern, geeignete Lernstrategien einzusetzen, mit ihrer Motivation umzugehen und den eigenen Lernprozess zu reflektieren.
Die folgenden Überlegungen greifen zentrale fachliche Impulse von Prof. Dr. Ferdinand Stebner zum selbstregulierten Lernen auf. Sie verdeutlichen: Selbstreguliertes Lernen entsteht nicht automatisch durch offene Lernformen oder möglichst große Freiräume. Vielmehr brauchen Kinder eine systematische Förderung, um ihr Lernen zunehmend eigenständig gestalten zu können.
Selbstregulation will gelernt sein
Gerade in der Grundschule werden wichtige Grundlagen für selbstreguliertes Lernen gelegt. Kinder müssen zunächst lernen, ihre Aufmerksamkeit gezielt zu lenken, wichtige Informationen von unwichtigen Reizen zu unterscheiden und mit Ablenkungen umzugehen.
Auch Motivation, Emotionen und Erholung spielen dabei eine wichtige Rolle. Lernphasen sollten deshalb nicht nur inhaltlich, sondern auch mit Blick auf die Konzentrationsfähigkeit und die Bedürfnisse der Kinder gestaltet werden. Erreichbare Zwischenziele, kleine Motivationshilfen und bewusst eingeplante Pausen können dazu beitragen, dass Kinder auch bei herausfordernden Aufgaben am Ball bleiben.
Dabei lohnt es sich, gemeinsam mit den Kindern genauer hinzuschauen: Warum fällt es mir gerade schwer, anzufangen oder dranzubleiben? Ist die Aufgabe zu schwer, zu leicht oder unklar? Fehlt mir der Sinn? Bin ich abgelenkt oder beschäftigen mich andere Gedanken? Wenn Kinder lernen, solche Hindernisse wahrzunehmen und einzuordnen, können sie zunehmend passende Strategien entwickeln, um damit umzugehen.

Vom angeleiteten Lernen zur Selbstständigkeit
Eine zentrale Voraussetzung für selbstreguliertes Lernen ist die Vermittlung geeigneter Lernstrategien. Kinder müssen beispielsweise lernen, wie sie Aufgaben angehen, Informationen strukturieren, Schwierigkeiten bewältigen und ihr Vorgehen anpassen können.
Gerade zu Beginn ist eine klare Anleitung durch die Lehrkraft unverzichtbar. Strategien müssen erklärt, vorgemacht und gemeinsam erprobt werden. Dabei spielt die sprachliche Begleitung eine wichtige Rolle: Die Lehrkraft macht eigene Denkprozesse sichtbar, indem sie beispielsweise laut überlegt, warum sie eine bestimmte Strategie auswählt oder wie sie mit einer Schwierigkeit umgeht. Nach dem Prinzip „Ich denke mit dir gemeinsam“ werden die Kinder zunächst angeleitet und übernehmen diese Denkprozesse schrittweise selbst.
Durch direkte und indirekte Instruktion, wiederholte Anwendung und gezielte Rückmeldungen gewinnen die Kinder zunehmend Sicherheit. So können sie bekannte Strategien selbstständig einsetzen und auf neue Lernsituationen übertragen. Auch die Automatisierung solcher Prozesse benötigt Zeit und Übung.
Entscheidend ist dabei, dass die Unterstützung durch die Lehrkraft schrittweise zurückgenommen wird, sobald die Kinder zunehmend Verantwortung für ihren Lernprozess übernehmen können.
Ziele setzen, Lernen reflektieren
Ein wesentlicher Bestandteil selbstregulierten Lernens ist die Metakognition. Darunter versteht man das Wissen über das eigene Denken und Lernen sowie die Fähigkeit, diese Prozesse bewusst zu beobachten und zu steuern.
Kinder lernen, ihr Vorwissen zu aktivieren, eigene Ziele zu formulieren, ihr Vorgehen zu planen und ihren Lernfortschritt zu überprüfen. Dabei helfen wiederkehrende Fragen, die den Lernprozess strukturieren:
Vor dem Lernen – planen
- Was weiß ich schon? Was kann ich bereits?
- Was möchte ich lernen oder am Ende können?
- Wie gehe ich vor? Welche Hilfen brauche ich?
Während des Lernens – überprüfen und steuern
- Bin ich auf dem richtigen Weg?
- Verstehe ich, was ich gerade mache?
- Muss ich meine Strategie ändern oder Unterstützung holen?
Nach dem Lernen – reflektieren
- Habe ich mein Ziel erreicht?
- Was hat mir beim Lernen geholfen?
- Warum ist mir etwas noch nicht gelungen?
- Was möchte ich beim nächsten Mal anders machen?
Auch kleine Selbsttests können dazu beitragen, den eigenen Wissensstand und den persönlichen Lernzuwachs sichtbar zu machen. Kinder lernen dadurch, ihre Fähigkeiten realistischer einzuschätzen und aus ihren Erfahrungen nächste Lernschritte abzuleiten.
Wichtig ist, dass diese Reflexion nicht nur am Ende einer Unterrichtsstunde stattfindet. Vielmehr sollten Planung, Überprüfung und Anpassung als wiederkehrende Bestandteile des Lernprozesses eingeübt werden.

Selbstreguliertes Lernen als gemeinsame Aufgabe
Damit Kinder selbstreguliertes Lernen nachhaltig entwickeln können, sollte dessen Förderung nicht auf einzelne Unterrichtsstunden oder Fächer beschränkt bleiben. Vielmehr braucht es ein gemeinsames Verständnis im gesamten Kollegium.
Lehrkräfte sollten sich auf grundlegende Lernstrategien, ein einheitliches Vokabular und wiederkehrende Abläufe verständigen. Dazu gehören beispielsweise gemeinsame Verfahren zur Zielsetzung, zur Planung von Lernprozessen und zur Reflexion von Lernergebnissen. Auch der Umgang mit Ablenkungen, Motivationsproblemen und Unterstützungsbedarf kann durch abgestimmte Routinen begleitet werden.
Ein solches gemeinsames Framing gibt den Kindern Orientierung. Wenn sie in unterschiedlichen Fächern und Lernsettings auf vertraute Fragen, Symbole und Strategien treffen, können sie ihre Erfahrungen wiederholt anwenden und zunehmend selbstständig nutzen.
Selbstreguliertes Lernen ist damit nicht nur eine Aufgabe der einzelnen Lehrkraft, sondern ein gemeinsamer Schulentwicklungsprozess.
Entscheidend ist, Kindern über die gesamte Grundschulzeit hinweg Gelegenheiten zu geben, Lernstrategien aufzubauen, zu erproben und zu festigen.
Das Ziel ist nicht, Kinder möglichst früh allein lernen zu lassen, sondern sie so zu begleiten, dass sie ihr Lernen Schritt für Schritt selbst in die Hand nehmen können.
Fachliche Impulse und weiterführende Informationen
Die in diesem Beitrag dargestellten Überlegungen zum selbstregulierten Lernen greifen zentrale Inhalte und Impulse aus der Forschung und den Vorträgen von Prof. Dr. Ferdinand Stebner (Universität Osnabrück) auf.